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Als gestaltete Architektur sind Räume – einem erweiterten Begriffsverständnis folgend –Träger und Gestalter von pädagogischen Botschaften, Absichten und Handlungen, die mit den Ambivalenzen, Widersprüchen und Verflechtungen historischer und gesellschaftlicher Prozesse verbunden sind. In ihrer Vielfalt von Formen, Materialien, Symbolen und Repräsentationen sind sie über Sprachgrenzen hinweg verständlich. Im Sinne eines semiotischen Ansatzes (Goodman, 1985; Lefebvre, 1974; Preziosi, 1993) können sie als Texte verstanden werden, die Diskurse mitgestalten, und dies auch unabhängig davon, ob sie gebaute oder nicht-gebaute Räume sind (Colvin, 1983). Räume werden so zu einer symbolischen Ressource, um Werten, Institutionen, Kulturen, Wissen und Geschichten in der Geographie einer Gesellschaft Form zu verleihen (Zimmer, 2003). Sie bieten, mit anderen Worten, ein breites Repertoire zur Konstruktion von nationalen, regionalen und/oder lokalen Traditionen (Hobsbawm & Ranger, 2015). Mit Blick auf Schulhäuser argumentiert Escolano etwa, dass diese Bildungskultur(en) synthetisieren und dass in ihnen das Kind erst zum Schulkind oder die Lehrperson zur Lehrerin bzw. zum Lehrer und dadurch zum Teil der Schulkultur werden (Benito, 2003).

Auf die Themenstellung „Räume der Bildung“ gemünzt, bedeutet die Mehrdimensionalität des Raums, die Handlungselemente ebenso beinhaltet wie symbolische Gesten, eine perspektivische Erweiterung des Pädagogischen. Erziehung hängt dann nicht mehr allein von formal als explizit pädagogisch definierten Settings ab, sondern wird von einer Vielfalt von Formen, kommunikativen Signalen und Orten beeinflusst. Sie erstreckt sich nicht nur auf Individuen, sondern auch auf Gesellschaften. Eine solche Erziehung kann architektonische Ästhetik und Stadtraumgestaltung als Agenturen fruchtbar machen, um moralisierend auf den Einzelnen und auf die Gesellschaft gesamthaft – zumindest der Intention nach – einzuwirken (Viehhauser, 2016). So konnten und können speziell auch Schulhäuser diskursiv als geheime Miterzieher stilisiert werden (Helfenberger, 2013) und mit nationalen Erziehungszielen und Staatsbürgerbildung verbunden werden (Helfenberger & Schreiber, 2019). Als gebaute Architekturen sind Räume in der Regel auf eine längere Existenzdauer angelegt und überdauern nicht selten historische Umbrüche. Dabei sichern sie historische Kontinuitäten, aber der Raum der Repräsentation entspricht dann nicht mehr zwingend den räumlichen Praktiken. In der Nutzung durch unterschiedliche Akteure zeigen sich hier sowohl Disziplinierungen durch den Raum wie auch die Schaffung von Freiheitsräumen in subversiven Aneignungen des Raums; und durch den Raum formiert sich die Wahrnehmung und Ausgestaltung der Welt (De Certeau, 1984).

Ihr möglicher Beitrag

Für unseren Band „Bildungsgeschichte Schweiz – Räume der Bildung“ laden wir Sie ein, Beiträge zu verfassen, welche die genannten Dimensionen (und auch weitere Aspekte) der breit aufgefassten Themenstellung Bildungsraum aufgreifen und die geographisch auf die Schweiz in ihren lokalen, kantonalen, regionalen, nationalen und/oder transnationalen Bezügen fokussiert sind. Das Ziel für den Band besteht darin, historische Veränderungen und Kontinuitäten des Bildungsraums Schweiz mit ihren Akteuren, Institutionen, Infrastrukturen und Repräsentationen im In- und Ausland sichtbar zu machen. Was die Periodisierung anbelangt, sind Beiträge mit Fokus auf das (lange) 19. und das 20. Jahrhundert erwünscht, wobei Studien mit Momentaufnahmen gleichermassen wie mit longue-durée-Perspektivenwillkommen sind. Theoretische und methodische Zugänge können vielfältig sein und, um nur einige zu nennen, sozial-, akteurs- und kulturgeschichtliche Perspektiven ebenso aufgreifen wie Transfergeschichte, Diskursgeschichte, Geschichte von Praktiken, Materialitäten, Normen etc.

Geplante Themenblöcke des Bandes

Um die unterschiedlichen Dimensionen des Themas Räume der Bildung zu diskutieren, schlagen wir folgende Themenblöcke vor:

  • Schulhaus und Klassenzimmer

In diesem Themenblock sollen Beiträge aufgeführt werden, die Schulhäuser und Klassenzimmer oder andere dezidiert pädagogische Raumsettings (sonder- und heilpädagogische Einrichtungen, Internate, Privatschulen, Horte usw.) betreffen. Mögliche Themenstellungen: Architekturgeschichte, Gesetzgebung und Baunormierungen, Innengestaltung, pädagogisches Wissen räumlicher Materialitäten, Nutzung- und Aneignungsphänomene usw.

  • Hochschulraum und Bildungscluster

Darunter verstehen wir Räume, die über den engeren Bildungskontext des Schulhauses und des Klassenzimmers hinausgehen. Solche Räume betreffen etwa Räume der höheren Bildung wie Universitätscampus oder Universitätsstädte, nationale oder kantonale Institutionen der höheren Bildung (ETH, Universitäten), Lehrerseminare und pädagogische Hochschulen, Fachhochschulen, die sowohl kantonal als auch regional in sogenannten Bildungsclustern organisiert sein können, höhere Bildungsangebote im Fernstudium (Fernfachhochschule, Fernuniversität), internationale Kooperationsräume im Bereich der Forschung und höheren Bildung, Berufsbildung usw.

  • Virtuelle Bildungsräume und Digitalisierung

Mit dem Themenbereich virtueller Bildungsräume und Digitalisierung wollen wir die im Kontext von ICT entstandenen Räume ansprechen, die in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen haben. Hier sind Aufsätze etwa zu folgenden Bereichen möglich: Technische Aufrüstung und Digitalisierung von Lernräumen an Schulen, Universitäten und anderen Bildungsinstitutionen, didaktische Entwicklungen im Kontext von e-learning-Plattformen, Entgrenzungen und Vernetzungen in webbasierten learning spaces, Transformationen von Wissens- und Interaktionsformen in virtuellen Lernräumen, oder auch Technisierung von Erziehung und Unterricht in der kybernetischen Pädagogik unter der Raumperspektive usw.

  • Informelle Bildungsräume

Bildung ist nicht nur an formalisierte Settings und Abläufe gebunden. Sie findet auch an Volkshochschulen, Vereinen mit Bildungsauftrag, in religiösen Institutionen, Jugendzentren, Ausstellungen, Museen und anderen Orten statt. Solche informellen Bildungsräume sollten in diesem Themenblock untersucht werden. Zugleich sind Beiträge möglich, welche die pädagogische Kommunikation aufgreifen, die über die architektonische, dekorative und/oder landschaftliche Raumgestaltung organisiert wird. Hierbei könnten etwa Wandmalereien an Genossenschaftssiedlungen mit moralischen Botschaften gleichermassen in Blick kommen wie pädagogisierende Stadtraumgestaltungen.

  • Transnationaler Bildungsraum Schweiz

Bildungsräume transzendieren nicht selten auch nationale Grenzen. So sind Migrationen und Bildungsaufenthalte (Schweizer*innen im Ausland, ausländische Studierende in der Schweiz, etc.), Schweizer Schulen im Ausland und internationale Kooperationen und Entwicklungshilfe im Bildungsbereich Mitgestalter des Bildungsraums Schweiz und der Schweizer Bildungsräume. Der Themenblock transnationaler Bildungsraum Schweiz adressiert solche Verflechtungen, Transfers und Transzendierungen der nationalen Grenzen.

Hinweise zur Einreichung der Abstracts

Wir freuen uns auf Ihre Abstracts im Umfang von ca. 500 Wörtern mit Angaben zu folgenden Aspekten:

  • Arbeitstitel des Beitrags
  • Themenblock, der Ihnen für Ihren Beitrag passend erscheint
  • Darstellung des Themas mit Bezugnahme auf Schweizer Kontext und Periodisierung
  • Angaben zur methodischen Konstruktion des Forschungsgegenstandes

Abstracts können bis am 1. Juli 2019 via E-Mail an hc.rf1558551700ude@m1558551700resua1558551700hheiv1558551700 und moc.l1558551700iamg@1558551700znasr1558551700egreb1558551700nefle1558551700h1558551700 eingereicht werden.

Organisatorische Bemerkungen

Die Abstracts werden bis Ende August 2019 geprüft und Sie erhalten eine Rückmeldung, ob Ihr Beitrag basierend auf dem Kriterium der Relevanz für den Band „Bildungsgeschichte Schweiz – Räume der Bildung“ berücksichtigt werden kann. Es ist geplant, im Februar/März 2020 eine Autor*innentagung durchzuführen. Die Grundlage dafür bilden Rohfassungen der Beiträge, die drei bis vier Wochen vor der Autor*innentagung vorliegen sollten. Die definitiven Beiträge sollten bis am 15. Juli 2020 eingereicht werden.

Kontakt

Dr. Marianne Helfenberger
FernUni Schweiz
moc.l1558551700iamg@1558551700znasr1558551700egreb1558551700nefle1558551700h1558551700
+41 78 618 44 50
Dr. Martin Viehhauser
PH Fribourg & PH FHNW
hc.rf1558551700ude@m1558551700resua1558551700hheiv1558551700
+41 26 305 71 46

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