Übergänge / Transitionen in pädagogischer und bildungshistorischer Perspektive vom Mittelalter bis zur Postmoderne

Die internationale Konferenz knüpft an die langjährige Tradition wissenschaftlicher Tagungen unter der Obhut des Arbeitskreises „Vormoderne Erziehungsgeschichte“ an, die sich durch eine breite interdisziplinäre Zusammenarbeit zahlreicher europäischer universitärer und nichtuniversitärer Forschungseinrichtungen auszeichnet. Ihr Ziel ist eine tiefgreifende Reflexion pädagogisch relevanter Transitionen in geschichtlichen, kulturellen, sozialen, religiösen oder politischen Zusammenhängen. Im Leben jedes Einzelnen sowie ganzer Gruppen der europäischen Bevölkerung können in der vormodernen und modernen Zeit viele solcher Übergänge festgehalten werden. Eine Reihe von ihnen ist typisch für die Kindheit und Adoleszenz – Lebensphasen, auf die sich die Tagung primär richten will. Sie hängen nicht nur mit dem physischen und mentalen Heranreifen des Menschen und somit mit den einzelnen Phasen seiner Entwicklung zusammen, sondern auch mit Bildung und Erziehung allgemein, einschließlich der religiösen Erziehung und der Vorbereitung auf den künftigen Beruf. Damit sind schulisch-formale wie außerschulische und nicht-formale Felder des Pädagogischen im Fokus. Diese Übergänge sind sehr eng mit zahlreichen begleitenden Riten (Übergangsriten, vgl.: „Les rites de passage“ von Arnold van Gennep oder liminalen Prozessen, vgl.: Victor Turner etc.) verbunden oder beziehen sich auch auf einen bestimmten Zeitraum in der Biographie einer Person oder im „Kalender“ eines kulturellen Systems.

Die Gestalt der Übergänge und Übergangsriten ist sehr intensiv von den Werten, der Identität und Mentalität (breiter gefasst von der Kultur) der Gemeinschaft geprägt, in der sie sich abspielen. Dabei ist nicht nur die mit ihnen verbundene Veränderung zentral, sondern oft auch die Sicherung von Tradition und Kontinuität. Daher sind mit ihnen ebenfalls der Transfer von Werten, Gedanken und weiteren Strukturen sowie von Verhaltensmustern verknüpft. Wie die anthropologischen, sozial-psychologischen, soziologischen Analysen gezeigt haben, tritt das „Neue“ in den Kontext der bereits bestehenden Struktur ein, sei es nun im mentalen Bereich, der sozial-emotionalen Landkarte einzelner Persönlichkeiten oder aber im kulturellen bzw. sozialen Rahmen der breiteren Umwelt. Der Transfer bedeutet also einen Übergang von der bestehenden Ordnung zu einem neuen Schema, zu einer neu entstehenden Ordnung oder zu ihrer Verjüngung. Die „neue Konstellation“ ist in hohem Maße nicht nur von der „ursprünglichen Landkarte“ (also von den in der ursprünglichen Struktur zur Geltung kommenden Bedeutungen) abhängig, sondern auch von den Prozessen des Transfers an sich, von der Übertragung der gegebenen Spezifika der Akteure und der Bedingungen des Transfers bzw. von der Umwelt, dem Rahmen und der Struktur, welche die neuen Impulse reflektiert.

Der Übergang ist für uns als ein offener Prozess interessant, zu dem sowohl das Ursprüngliche als auch das Neue gehören, als ein Prozess, der nicht nur durch die Zeit, sondern auch durch sichtbare und unsichtbare Ziele, bewusste und unbewusste „Vorhaben“ der Akteure sowie durch soziale und kulturelle Bedingungen, kulturelle Landkarten und Konstellationen, in welche das Empfangene „eingetragen“ wird, eingerahmt ist. Die internationale Tagung konzentriert sich auf die Interpretation verschiedener Formen von Übergangsriten sowie von Übergängen und Transitionen allgemein, primär solcher, die mit der Lebensphase der Kindheit und Adoleszenz verbunden sind. Das Symposium wird sowohl „Praktiken“ und Regeln in der sozialen und kulturellen Praxis, in der Bildung und Erziehung als auch in der Theorie der Pädagogik untersuchen.
Obwohl die angerissene Thematik bereits zum Teil von Forschenden aus den Bereichen der Anthropologie, Ethnologie, der Geschichtswissenschaft oder der Bildungsgeschichte erkundet wurde, fehlt es bislang an einer systematischen transdisziplinären Forschung zu diesem Thema. Die meisten Arbeiten konzentrierten sich nur auf eine einzige Art bzw. auf einige wenige Arten von Übergängen, auf eine konkrete, zumeist eng definierte Region bzw. einen solchen Zeitraum (meistens Mittelalter, Frühe Neuzeit, die moderne Zeit). Es fehlt insbesondere an komparativen Analysen, der Ausrichtung auf einen breiteren geografischen Raum, den Transfer von Konzepten und die Analyse langzeitiger Entwicklungstrends („longue durée“) erfassen. Es werden dabei ebenfalls Barrieren zwischen einzelnen Humanwissenschaften deutlich, in denen verschiedene Ansätze und Methoden angewandt werden. Ihre Überwindung kann dabei viele neue Impulse mit sich bringen. Eine bisher wenig untersuchte Frage stellen in der bisherigen Forschung die bereits erwähnten markanten Elemente der Kontinuität, ihrer Formen und ihrer Bedeutung dar. Das Konferenzthema wurde bewusst sehr breit gewählt. Willkommen sind nicht nur Beiträge von Historikerinnen und Historikern bzw. Forscherinnen und Forschern im Bereich der Erziehungswissenschaft, sondern auch – wie es Tradition im Arbeitskreis Vormoderne Erziehungsgeschichte ist – von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weiterer für das Thema relevanter Disziplinen. Insbesondere folgende Themenkreise sollen im Zentrum stehen:

– Terminologie im Zusammenhang mit dem Thema Transfer, Übergänge und Übergangsriten
– Theoretische Konzepte des Transfers und der Übergänge vom Mittelalter bis in die heutige Zeit
– Arten von Transfers, Übergängen und Übergangsriten
– Übergänge und Übergangsriten in verschiedenen konfessionellen, nationalen und sozialen Räumen
– Genderspezifische Übergänge und Übergangsriten
– Übergänge verbunden mit einem gewissen Inhalt und einer gewissen Art der Bildung und Erziehung (zu Hause, privat, in Klöstern, Schulen, etc.) bzw. verbunden mit der Vorbereitung auf die künftige Laufbahn (z. B. Übergänge im Zusammenhang mit der Tätigkeit in einem kirchlichen Orden wie dem Noviziat und dergleichen mehr)
– Übergänge und Übergangsriten in der Literatur, in der bildenden Kunst sowie in der materiellen Kultur in Bezug auf die Vergangenheit (Formen der Darstellung, damalige Wahrnehmung etc.)
– Entwicklungstrends der untersuchten Thematik in Europa ab dem Mittelalter bis in die Moderne

Referatsangebote einschließlich Abstract (bis zu 1 Seite) schicken Sie bitte bis 15. Februar 2021 an: . Der Ausschuss der Konferenzveranstalter behält sich das Recht auf die Auswahl der Beiträge vor. Von mündlichen Beiträgen ausgehende Studien werden im Falle einer erfolgreichen Bewertung durch Lektoren in einem Sammelband publiziert.

Kontakt

Michal Vokurka,

www.hsozkult.de/event/id/event-94692